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BLOG: Stadtmacher und -macherinnen: Die neue Vielfalt intermediärer Stadtentwicklungsakteure


Foto Menschen in der Innenstadt
© M Cindy/Fotolia

Stadtmacher – hinter diesem Begriff steckt eine zunehmende Vielfalt von Einzelpersonen und Initiativen, die Einfluss auf stadtplanerische Entscheidungen und Gestaltungsprozesse im Sozialraum nehmen. Sie sind aktiv Gestaltende, die ihr "Projekt" verfolgen und zugleich Mittler zwischen Bürgern und Bürgerinnen, Politik, Verwaltung und Wirtschaft sind. mehr

Explorationsstudie                             Akteure


Über unsere Recherchen wollen wir fortlaufend in diesem Blog berichten.

AKTUELLES

Februar 2018: Stadtmacherinnen und Stadtmacher: Positionsbestimmung aus der Perspektive des vhw zu einer zunehmend relevanten Akteursgruppe der Stadtentwicklung
Stadtmacherinnen und Stadtmacher sind nicht nur Impulsgeberinnen und Impulsgeber für zukunftsorientierte Stadtentwicklungsprojekte. Mittlerweile handelt es sich bei ihnen um relevante und wirksame Akteure der Stadtentwicklung. Das war ein zentrales Ergebnis der vhw-Studie Stadtmacherinnen und Stadtmacher in 2017, das sich zumindest für das Untersuchungsgebiet „Berlin“ festhalten ließ. Stadtmacherinnen und Stadtmacher stehen offenbar für einen qualitativen Sprung der Partizipation in der Stadtentwicklung von "Beteiligung" hin zu "Koproduktion". Sie sind eine wertvolle Ressource, die die Handlungsfähigkeit urbaner Regime im Sinne eines "Capacity Building" konkret erweitern können. Sie zeigen, dass die Stadtgesellschaft erwachsen geworden ist – so ein Statement auf dem Abschlussworkshop der Studie Stadtmacherinnen und Stadtmacher im Februar 2017.

Letztendlich geht es darum, eine Debatte darüber zu führen, wie wir Stadtentwicklung gemeinsam mit Stadtmacherinnen und Stadtmachern gestalten können. Das ist nicht nur eine wissenschaftliche oder auch politische Frage. Es ist letztlich eine Frage der Haltung, die Frage einer Positionsbestimmung, die sich auch mit Blick auf die Frage danach stellt, welche Herausforderungen sich aus der Perspektive des vhw im Umgang mit Stadtmacherinnen und Stadtmachern in der Stadtentwicklung ergeben. Wie also kann der vhw, als ein gemeinnütziger gesellschaftlicher Akteur, der sich im Handlungsfeld Wohnen und Stadtentwicklung für eine vielfältige Bürgergesellschaft und für die Stärkung der lokalen Demokratie einsetzt, einem Thema wie den Stadtmacherinnen und Stadtmachern gut begegnen?

Ziel dieser Positionsbestimmung ist es, Stadtmacherinnen und Stadtmacher als Akteursgruppe der Stadtentwicklung zu beschreiben, ihre Kompetenzen und Ressourcen zu benennen, einen Einblick in die Herausforderungen der Arbeit von Stadtmacherinnen und Stadtmachern zu geben, ihre potenziellen Impulse für stadtgesellschaftliche Koproduktionen zu diskutieren, der Frage nach der Legitimität ihres Handelns nachzugehen und eine Agenda aufzuzeigen, entlang der sich die zukünftige Arbeit mit Stadtmacherinnen und Stadtmachern in der Stadtentwicklung gestalten ließe.

Download Positionsbestimmung


Workshop mit Stadtteilinitiativen
©vhw e. V.

November 2017:  Workshop "Anforderungen an Partizipation" Wie muss sich in Berlin Beteiligung strukturell verändern, damit Stadtentwicklungsinitiativen in der Berliner Stadtentwicklungspolitik wirksam werden (können)? Unter dieser Leitfrage fand am 7. November 2017 in der "Glaskiste" des ExRotaprint Gebäudes der erste – im Rahmen des Projekts "Stadtmacherinnen und Stadtmacher II" veranstaltete – Workshop "Anforderungen an Partizipation" statt.  21 Initiativen aus den Themenbereichen: Mietenpolitik, öffentlicher Raum, Transition und Netzwerke wurden eingeladen, im Workshop mitzudiskutieren. Nach einleitenden Impuls-Referaten von Jan Kuhnert und Andrej Holm erarbeiteten zwei Arbeitsgruppen zu den Schlagworten der Verbindlichkeit und Ermöglichung Ansätze, die sich mit der strukturellen Beziehung der Initiativen zur Verwaltung und umgekehrt befassten. Erste Thesen und Forderungen dazu, wie die Stadtmacher und Stadtmacherinnen stärker in die Stadtentwicklungspolitik eingebunden werden können, wurden formuliert. Die Veränderung der Beteiligungskultur, die aktuell nicht nur in Berlin zu erleben ist, scheint eine Form sich verändernden demokratischen Verständnisses und entsprechender Strukturen – weg von einem repräsentativen hin zu eher direkteren Demokratieverständnis – zu sein. Damit liegt in den Forderungen nach mehr und tieferer Beteiligung und Mitbestimmung eine essenziell gesellschaftspolitische Frage danach, wie wir zukünftig zusammenleben wollen. Beteiligung als lebendige Praxis bedeutet dabei nicht weniger als eine Form gelebter Demokratie und Politik, in der zunehmend weniger Platz für Repräsentanz bleibt. Ziel des Prozesses ist es, zusammen mit den Initiativen ein Thesenpapier/Impulspapier zu erarbeiten, das die wesentlichen Punkte im Bereich der gesellschaftlichen Beteiligung und Mitgestaltung aus Sicht der aktiven Akteure zusammenfasst.

Erste Themensammlung: Neue Dialog-(Diskurs)Kultur, Ort des Austausches (Koordinierungsstelle etc.), Gegenseitige Qualifizierung (Ermächtigung zur gemeinsamen  Sprache), Manifest/Leitlinien/Verwaltungsrichtlinie/Beschluss  (Ein rechtsgültiges Dokument) Was nichts Kostet ist nichts wert.


Mai 2017: Studie vorgestellt. Am 17. Mai stellte Sebastian Beck die Ergebnisse der vhw-Studie "Stadtmacherinnen und Stadtmacher" in Berlin vor: "City Makers in Berlin – A Study on Cooperation between City Adminstration and Politics and Civil Society". Die Präsentation fand im Rahmen des Tri-City-Symposium zum Thema "Migration and Integration: Local Cooperation in Action" statt, zu dem der Integrationsbeauftragte des Berliner Bezirks Charlottenburg-Wilmersdorf, Leon Friedel, eingeladen hatte. Neben Vertreterinnen und Vertretern des Bezirkes nahmen auch Delegationen aus Lewisham (London) und Antony (Paris) an dem Symposium teil.

Die Grundaussagen der Studie trafen auf breite Zustimmung, etwa in Bezug auf die steigende Relevanz der Zivilgesellschaft als urbaner Akteur oder die neuen Qualitäten des Engagements zivilgesellschaftlicher Initiativen in Bezug auf Kompetenzen, Ressourcen und – digitale – Netzwerke. Im Anschluss diskutierte man sehr rege und thematisierte zentrale Fragen der Intermediären-Debatte des vhw: Warum gibt es zunehmend mehr zivilgesellschaftliche Initiativen? Wo genau klemmt es bei der Anerkennung und Augenhöhe dieser Initiativen auf Seiten der Verwaltung und der Politik? Wie schaffen es Stadtmacherinnnen und Stadtmacher in ihrem lokalen Engagement gesellschaftlich inklusiv zu wirken? Wie gut ist Chaos? Es war eine insgesamt sehr angenehme und interessierte Diskussionsatmosphäre und die über 40 internationalen Zuhörinnen und Zuhörer traten unserer Studie sehr wertschätzend gegenüber.


Foto von Stadtmacher-Studienpräsentation
©vhw e. V.

Februar 2017: Debatte um Intermediäre fortgesetzt. Mit der vhw-Studie "Stadtmacherinnen und Stadtmacher", die am 28. Februar 2017 im "Aquarium" am Kottbusser Tor ca. 80 Interessierten vorgestellt wurde, setzt der vhw gemeinsam mit dem Berliner Institut für Demokratische Entwick­lung und Soziale Integration (DESI) und der Berliner L.I.S.T. Stadtentwicklungsgesellschaft mbH die Debatte um die Intermediären fort, die mit der Veröffentlichung des Debatten­buchs "Mittler, Macher, Protestierer" begonnen wurde. Im Fokus der Studie stehen die Verän­derungen der Aushandlungsprozesse zwi­schen Kommune, Wirtschaft, organisierter Zi­vilgesellschaft und einzelnen Bürgerinnen und Bürgern. Der Schwerpunkt liegt auf Ini­tiativen, die sich durch neuartige Koopera­tionsformen mit der Kommune, Veränderun­gen in den diesbezüglichen formellen bzw. informellen Kooperationsstrukturen und Schnitt­stellen oder eigenständige Ideen und Projekte im Umgang mit aktuellen Herausforderungen der Stadtentwicklung auszeichnen.

Wie können zivilgesellschaftliche Initiativen eingebunden werden, um Berlin als Kopro­duktion von Stadtgesellschaft, Verwaltung und Politik zu gestalten?

Ergebnisse der vhw-Studie      Projektbericht


September 2016:  Fünf Berliner Stadtentwicklungsinitiativen ausgewählt. In Vorbereitung einer Studie wurden für eine dazu zu erstellende Figurationsanalyse Akteure ausgewählt, um u. a. zu verstehen, wie diese Stadtakteure mit ihrer Vermittlungsrolle die lokale Demokratie beeinflussen und ein tieferes Verständnis ihrer Arbeit zu erhalten. Zwei Initiativen werden jeweils unter den Themenfeldern "Stadtentwicklung/Wohnen" und "Flüchtlings-/Willkommensinitiativen" angeschaut. Als fünfte Initiative wird das "Haus der Statistik" untersucht, das an der Schnittstelle beider Themenfelder verortet werden kann.

Die "Initiative Bundesplatz" ist dem Themenfeld "Wohnumfeld" zuzuordnen. Seit ihrer Gründung durch Anwohner 2010 bemüht sie sich darum, die Aufenthalts- und Erholungsqualität des Gebiets Bundesplatz und Bundesallee wiederherzustellen. Der Verein "Initiative Bundesplatz e. V." hat inzwischen über 230 Mitglieder, die die Grünflächen auf dem Bundesplatz pflegen und regelmäßig zu einem Stammtisch zusammenkommen. Neben der Instandsetzung und -haltung der Grünflächen hat sich die Initiative auch mittel- und langfristige Ziele gesetzt und Forderungen an die Politik formuliert. Ziel ist es, aus dem Bundesplatz ein Beispiel für den Rückbau der autogerechten Stadt zu machen. Wir haben uns für eine nähere Analyse der "Initiative Bundesplatz" entschieden, da sie von Anfang an den offensiven Versuch unternimmt, Kooperationen mit Politik, Verwaltung und Wissenschaft einzugehen. Die Initiative hat in relativ kurzer Zeit bereits einiges erreicht und es geschafft, die Bezirkspolitik für sich zu gewinnen. Die Vision hinter den vielen kurz- und mittelfristigen Zielen, ein neues Mobilitäts- und Beteiligungskonzept für die Stadt zu entwerfen, ist ein weiterer ausschlaggebender Grund zur Auswahl für eine vertiefende  Fallanalyse.

"Kotti & Co." ist ebenfalls eine Initiative, die sich dem "Wohnumfeld" widmet, hierbei allerdings andere Wege beschreitet als die "Initiative Bundesplatz". Entstanden aus der konkreten Not heraus,  sich die Mieterhöhungen rund um das Kottbusser Tor nicht mehr leisten zu können, erregt die seit 2011 bestehende Mietergemeinschaft mit ihren Aktionen immer wieder stadtweit Aufmerksamkeit, bspw. durch die dauerhafte Besetzung des Kottbusser Tors durch ein Gecekondu, einem für alle offenen Protesthaus, vor Ort. Ziel ist es, auf die prekäre Situation der Bewohnerinnen und Bewohner des (ehemals) sozialen Wohnungsbaus aufmerksam und sich für eine Rekommunalisierung des sozialen Wohnungsbaus stark zu machen. Der überwiegend nicht-institutionelle Weg, für den sich "Kotti & Co" entschieden hat, hat, macht die Initiative für eine Fallanalyse interessant. Auch, wenn die Initiative Unterstützung aus Teilen der Politik erfährt, geht sie keine Bündnisse mit Parteien ein, sondern versteht sich als Bottom-up Initiative, die die Anwohnerinnen udn Anwohner selbst ermächtigt, sich als Akteur gegenüber den Vermietern, der Verwaltung, der Politik, den Jobcenter, etc. zu positionieren und Forderungen zu artikulieren. Die Initiative organisiert Konferenzen, veröffentlicht Konzepte und Stellungnahmen zum Thema und ist berlin- und deutschlandweit vernetzt.

"Hellersdorf hilft e. V." ist eine seit 2013 bestehende Willkommensinitiative, die sich als Reaktion auf zunehmende rassistische  Stimmungen im Umfeld einer Flüchtlingsunterkunft in Berlin-Hellersdorf gegründet hat. Die Initiative versucht mit antirassistischer Arbeit im Wohnumfeld eine Willkommenskultur zu etablieren, z. B. mit Workshops in angrenzenden Schulen und macht sich für die gesellschaftliche Partizipation der Geflüchteten im Bezirk stark. Von Beginn an machte die Initiative unter anderem auf Probleme bei der inzwischen bundesweit bekannten ehemaligen Betreibergesellschaft der Flüchtlingseinrichtung "PeWoBe" aufmerksam.

"Willkommen im Westend" gründete sich ebenfalls im Jahr 2013. Seit dem ist eine dichte Infrastruktur zur Unterstützung von Geflüchteten entstanden. Die gesellschaftlich breit getragene Initiative plant außerdem das Projekt "Interk(ult)uranstalten", bei dem ein altes Sanatorium zu einer vielfältig genutzten sozialen und kulturellen Einrichtung umgebaut werden soll. "Willkommen im Westend" ist inzwischen ein fester Ansprechpartner für Politik und Verwaltung geworden und Vertreterinnen und Vertreter der Initiative berichten regelmäßig im Integrationsausschuss der BVV. Die Initiative funktioniert als dynamisches Gebilde mit einer sich ständig verändernden personellen Situation. Auch dieser Umstand macht die Initiative für eine  tiefere Analyse interessant.

Das "Haus der Statistik" soll in der Untersuchung der Initiativen als Bindeglied zwischen dem Themenfeld "Wohnumfeld" und "Willkommensinitiative" dienen. Diese plant im leerstehenden Gebäudeensemble des ehemaligen Haus der Statistik am Alexanderplatz die Umsetzung eines integrativen Wohn- und Kreativprojekts. Neben Wohnraum für Geflüchtete, Studierende, Senioren und andere Berlinerinnen und Berlinern sind Arbeitsräume für Kunst, Kultur und Bildung geplant, sodass ein Ort der Begegnung und innovativen Mischnutzung entstehen soll. Bisher befindet sich die Initiative in der Planungsphase. Die angestrebte Nutzungsmischung und eine vielfältige Zusammensetzung der Akteure aus Geflüchteteninitiativen, Künstlerkollektiven, (Bezirks-)Politikerinnen und -politikern macht die Initiative interessant für eine Fallanalyse.